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Grey is the colour of Love

- Berlin und die Berlinale, die Liebe im Norden Europas -


(Übersetzung des rumänischen Textes für www.liternet.ro und für Dilema Veche – Deutsche Korrektur von Karolina Petrova)

Berlin – diese phantastische Stadt, zerstückelt und vereint, arm und opulent, sensibel und preussisch. Ein deutsches Paris, mit ebensoalten U-Bahnen, mit metallenen Brücken, schwer und robust, durch deren Strukturen die statischen Kräfte mit einer Kant‘schen Klarheit fliessen.

Ich sah selten Berlin im Sommer, ich kenne es aber gut im Winter, dann, wenn im Februar die Stadt voll von neuen Filmen ist, und von Orten in denen die Leute eine Woche lang aus anderen Gründen zu Filmen gehen, als sich nur zu entspannen. In den Kinofoyers spürt man etwas Leidenschaft, anderer Art als üblich. Mir gefällt es, hineinzugehen, ein Mengenbad zu nehmen, mich wie früher zu fühlen, als die Meinen mich als Kind zu den Bukarester Vernissagen schleppten. Etwas verbindet all diese Menschen die hierher kommen, um Filme zu sehen, die lange Schlangen bilden, um doch noch eine Karte für Kurzfilme oder einem Schwedischen Film zu ergattern, welche in den Pausen tratschen und neue Freundschaften schliessen, zwischen zwei Filmen welche in zwei verschiedenen Ecken Berlins laufen.

Berlin ist eine Stadt in der du lieben kannst. Es hat genügend Ehrlichkeit, um dir sowohl Freiheit, als auch eine unverstellte Sensibilität zu bieten. Es ist nicht die Stadt der Höflichkeiten und der Kuchen, so wie Wien. Es ist dafür eine Stadt des Authentischen. Authentisch im deutschen Sinne: direkt, klar, rational(vernünftig), manchmal ein bisschen zu bodenständig. Manche sagen daß die Deutschen keinen Charme hätten. Daß nichts dich an Ihnen entzücken kann. Wenn man aber vom Balkan kommt (und Wien ist nichts anderes als der Balkan des deutschsprachigen Raumes) wird man gerade von dieser deutschen Klarheit entzückt und nostalgisch. Eine Klarheit hinter welcher, was für eine Freude, sich nichts versteckt! Wieviel Genuss zu wissen, daß das, was einem gerade gesagt wird, identisch ist mit dem, was der Gesprächspartner auch denkt! Wieviel Freude liegt in der Entdeckung, daß man auch Klarheit und Licht lieben kann, nicht nur das Mysterium des ewig weiblichen/männlichen! Wieviel Freude in der Entdeckung daß die Klarheit genauso unaussprechlich und schön ist, wie das komplizierte und parfümierte Trübe des Südens. Wieviel Genuß hat man daran, all diese komplizierten Wörterbücher für non- und para-verbale Kommunikation weit weg zu schmeissen, diese Wörterbücher der ungeschriebenen, unendlich-komplizierten balkanischen und zentral-europäischen Kommunikation loszuhaben. Sie sind wie ein schwerer Sirup aus einer Baklava oder Kataif, leidenschaftlich und oft suchterregend, und, desto mehr man sie benützt, desto schwieriger wird es, sich ein leben ohne sie vorzustellen. Und dennoch, dennoch ist es auch ohne Baklava, Savarinen, Torten und Sirup möglich! Dennoch, dennoch gibt es einen diskreten Charme der deutschen Bourgeoisie, eines Landes das alles ernst nahm, was es tat – und in den letzten 50 Jahren nahmen sie die Demokratie ernst. Gekommen aus dem Balkan, sei es auch aus dem Wiener Balkan, kann man nicht anders als sich freuen wenn man die rauhe Luft der unverschnörkelten deutschen Einfachheit atmet. Die Luft eines Fleißes, welcher, paradoxal, auch Poesie birgt. Eine andere Sorte als die des südländischen Sirups, aber eine Poesie welche tonisch und vertrauend ist, nicht lethargisch und unendlich-meditativ, oblomovistisch.
Ich kann ohne den Charme des Oblomov nicht leben, doch ich komme nicht aus, wenigstens ab-und-zu, ohne ein gesundes Bad in der kalten Berliner Klarheit, im Februar. Mein mentales Immunsystem scheint sich zu erfrischen wie in einem kalten Bad nach der Sauna.

Die Säle in denen die Filme der Berlinale projiziert werden liegen in Ost und West. Das Pressezentrum und die Filmsäle befinden sich im Untergeschoss des Sony Zentrums am Potsdamer Platz, dieses Gebäude das jeder Tourist kennt, in Glas bekleidet, wie eine große Arena der prunkvollen und oberflächlichen Darstellung der kommerziellen Macht und der Korporation. Der Innenhof ist von einem riesigen Schirm aus weissen Stoffbahnen gekrönt. Alles voller Glamour, aber auch voller Inhaltslosigkeit. Die Unklarheit des Postmodernen.

Ein anderes Kino befindet sich auf der Karl-Marx Allee, wahrscheinlich eines der elegantesten in der ehemaligen DDR. Dort, die Glamour- und Darstellungsabsicht einer kommunistisch-triumphalistischen Kultur erbleicht unter der Patina der Zeit. Alles ist Vergangenheit, und also nichts kann noch drohend sein, alles was einmal unter der Sicht der Manipulation und der Drohung gesehen wurde, kann jetzt mit einem (bitteren, traurigen oder verständnissvollen) Lächeln betrachtet werden. Das Kino heißt - wie sonst? - „International“.

Die Kälte von Berlin, diese paradoxal-entzückende Kälte, habe ich auch in zwei nordischen Filmen wiedergefunden: in „Morgengrauen“ (Om jag vänder mig om – wortwörtlich “Was sehe ich wenn ich mich umdrehe”) von Björn Runge, Schweden, und “In Deinen Händen” (Forbrydelser) von Anette K. Oelsen, Denmark. Ich fand in diesen zwei Filmen dieselbe kalte, einfache, authentische Sicht der menschlichen Gefühle, die mir auch, wie ich oben schrieb, Berlin einhaucht.

An der Stelle der Gefühlsergüsse die ich so gut kenne, anstelle des Sirups und der sentimentalen Baklawa an die ich in der romanischen Welt gewöhnt bin (und die ich liebe!), mit denen ich so familiär bin, steht eine komplett andere Behandlung des Erlebnisses. Einfache und kurze Sätze, ohne Verzierungen, welche über Notwendigkeiten in einer pragmatischen und direkten Weise sprechen; Spiel der Schauspieler, das an die Filme von Igmar Bergman erinnert; ein Minimalismus aller Ausdrucksmittel – Bild, Spiel, Dialog, dramatische Konstruktion – der Vieles sichtbar macht, dort wo nur Weniges und Konkretes gesagt wird. Weniger ist mehr.

Der schwedische Titel (“was sehe ich wenn ich mich umdrehe”) spricht über vieles: über betrogene Menschen, darüber wie das Leben eines Menschen hinter seinem Rücken verändert wird, ohne daß er es merkt, darüber, was er entdeckt wenn er sich umdreht und hinter sich blickt. Aber der film erzählt auch über die Hoffnung, daß jeder Mensch, selbst der fast Zerstörte, eine Chance hat, zu verstehen, den Lauf des Lebens zu ändern. Die Hoffnung, verstanden im nordischen Schlüssel, sieht anders aus als die Hoffnung in romanisch-balkanischem oder italienischem Schlüssel: nur ein paar schweigsame Bilder, einige Gesten und ein graues Morgengrauen, in welchen Autos graue Strassen entlang fahren, eine Frau an der Grenze der Verzweiflung am Rande eines grauen Sees, in der grauen, kalten Morgenluft. Grauer Nachspann.

Ein anderer nordischer Film war der Kurzfilm von Cristi Puiu. Es wurde viel darüber geschrieben, über die Preise, die der Film erhalten hat. Ich möchte nicht darauf beharren. Ich möchte nur ergänzen daß er sich in derselben Tonart einschreibt, eine Tonart der stummen Schreie (Cartarescu) und der betäubenden Stillen, in derselben Stimmung eines kalten und echten Nordens, die ich in Berlin und in seinen Filmen entdeckt habe.

Die meschliche Wärme kann also auch anders aussehen: kalt und authentisch.

16 ian 2004